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Muammar al-Gaddafi; Grafik. Wikimedia Commons"Pornografie des Todes"

Death sells: Über die Vermarktung des Todes von Muammar al-Gaddafis

UJN 28.10.2011


Libyen: Die Schlachten sind geschlagen, das Kriegsgeschrei verstummt, das Johlen der Sieger hallt noch nach. Was sich vor einer Woche in Libyen ereignete, war nicht nur das blutige Ende von Muammar al-Gaddafi, eines dem Westen missliebigen Diktators, so wie es in der Geschichte schon zuhauf vorgekommen ist und auch wieder vorkommen wird. Nein, es war mehr: Es war auf uns selbst bezogen ein zivilisatorischer Bruch, der durch die Veröffentlichung der Bilder markiert wird, und eine mediale Barbarei darstellt. Der Effekt ist umso massiver, als dass sie in einer Zeit erfolgt, in der wir Menschen binnen Sekundenfrist miteinander vernetzt sind.

Schiefe Bahn
Lange Zeit galt es nicht nur unter Linken als Konsens, dass Menschenrechte und die Würde des Menschen universell gültig sind. Ja, sie müssen auch denjenigen gewährt werden, die zu Lebzeiten ebendiese Menschenrechte und –würde mit Füssen getreten haben, also auch Muammar al-Gaddafi. Wer Ausnahmen von diesem Postulat zulässt, gerät sehr schnell auf die schiefe Bahn, weil er damit einen Teil der Menschen, mögen sie auch noch so große Verbrechen begangen haben, außerhalb der eigenen Gattung stellt. Er klassifiziert diesen Teil insofern als viehisch oder tierisch, was letztlich einer faschistischen Geisteshaltung entspringt. Und auch die massenhafte Darstellung ebendieses Todes in Form eines "blutigen Menschenbündels" befördert diese Wahrnehmung. Dass jemand umgebracht wurde, muss auch nicht, weil manche diese Ausflucht verwenden, dokumentiert werden – zumal anhand der Bilder des geschändeten Leichnams dies aus der Ferne sowieso nicht verifiziert werden kann.


Momentum mortis

Thomas Hobbes: De Cive. Titelblatt der Erstausgabe; Quelle: Wikimedia CommonsDer Augenblick des Todes, auch die Zeit davor (Leiden) sowie die Zeit danach (Leichnam), gehören zu den Phasen menschlichen Lebens, die am persönlichsten und insofern am intimsten sind. Nicht nur das Erbe der Aufklärung und die damit verbundenen Menschenrechte gebieten uns, dass wir dies respektieren, sondern – wie ich hoffe – ein uns kollektiv innewohnendes Grundgefühl von Zivilität und Empathie.

Homo homini lupus est (dt.: "Der Mensch ist des Menschen Wolf"), schrieb Thomas Hobbes[1] über den Menschen im Naturzustand, er charakterisierte ihn sui generis als Bestie, die von eigennützigen Bedürfnissen – nicht nur in materieller Hinsicht - geleitet wird und darin durch keinerlei Mitgefühl gehemmt ist, diese auch unter Anwendung brutalster Gewalt durchzusetzen. Doch das gilt für Gesellschaften im Naturzustand, nicht für Zivilisationen, die (wenn man Acker- und Städtebau, Schrift und Philosophie als erste Indikatoren begreift) mehrere Tausend Jahre zurückreicht. Und doch bricht der Wolf immer wieder durch ...

Mediale Rezeption
Dass die Massenmedien im Zeitalter schrumpfender Auflagen sich irgendwann dazu versteigen würden, bei passender Gelegenheit, solche Bilder zu veröffentlichen, war mir spätestens seit der Kommandoaktion zur Exekution von Osama Bin Laden durch die Navy Seals klar. Schon damals gierte der Markt nach entsprechenden Bildern. Da solches Material bei der Ermordung Muammar al-Gaddafis nunmehr zuhauf auftauchte, war es fast logisch, dass dieses publiziert werden würde. Sogar die kleine junge Welt, deren Ticker als Stream und zwecks kostenloser Promotion durch meine Startseite läuft, hat es getan, DER FREITAG hat einen entsprechenden Artikel (s.u.) mit darin enthaltenem Bildmaterial durch die Redaktion gesichtet, für gut befunden sowie unter den sog. Top-Blogs gelistet und promotet. Andere User ergänzten weitere Bilder und so entstand alsbald, um es mit Thomas Mann zu sagen, ein regelrechtes "Weltfest des Todes"[2]. Da mir als empathiebegabter Mensch solche Bilder wie auch das gesamte Film-Genre, das darauf gründet, nur schwer, eigentlich gar nicht erträglich ist, habe ich auch nicht untersucht, wer alles sonst noch  diese Bilder veröffentlicht hat.

 

Grafik auf der Seite des Bloggers "Jacob Jung"Was die Medien tun, ist eine Sache und geschieht in der Erwartung, bestimmte, mitunter auch dreist unterstellte Bedürfnisse des Marktes zu befriedigen. Als ich jedoch bei Facebook Posts mit Hinweisen auf eigene Artikel verteilen wollte und gleichzeitig sah, was andere Nutzer, mit denen ich vernetzt bin, massenhaft posteten, war ich ehrlich geschockt. Eine Person, die unter dem Pseudonym "Jacob Jung" bloggt, etwa nahm das Bild des geschändeten und blutüberströmten Gaddafi sogar als Preview-Grafik für seine Facebook-Posts, sozusagen als morbiden Appetizer für den verlinkten Text. Ich war zum Glück mit dem Parteitag der LINKEN beschäftigt, gleichwohl hing dieses Bild ganz weit oben auf der Timeline und verblieb auch dort, weil die User offenkundig massenhaft darauf "abgingen" und es an jede virtuelle Ecke bei Facebook klebten, so dass sicher eine, wie vom Blogger intendiert, hohe Klickzahl zusammenkam.[3]


Läge solchen Leuten das Thema Krieg in Libyen und das Schicksal der Menschen am Herzen, würde es sie interessieren, wie es dazu kam, dass die NATO mittels Instrumentalisierung der UNO und dem Bruch des Völkerrechts[4] und nationaler Gesetze[5] einen gezielten Regime Change bewerkstelligen konnte, oder, welche Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen sind und warum diese durch westliche Gegenpropaganda[6] bagatellisiert wurden. Man könnte sich zudem fragen, welche Kräfte auch bei uns mit welchen Interessen für den Krieg trommelten … Wäre all das der Fall, so hätte man – wie ich es tat – darüber intensiv schreiben können.

Gewalt, Leid und Tod

Karl May; Selbstbildnis als der "gute" Old Shatterhand; Quelle: Wikimedia CommonsDer Schriftsteller Arno Schmidt hat sich in zahlreichen Schriften mit dem Wirken des Volksschriftstellers Karl May[7] befasst und gefragt, warum sich dessen Bücher bis heute so gut verkaufen. Dabei liegt Karl Mays Werken u.a. folgendes simple Denkmuster zugrunde: Die Welt besteht aus Gut und Böse, die in einem steten Widerstreit liegen, vertreten werden sie durch Figuren, die sich meist eindeutig einer Sphäre zuordnen und entsprechend attribuiert sind. Bei einem Sieg über die "bösen Menschen" wird diesen auch die Chance angeboten, sich der "richtigen", weil "guten" Seite anzuschließen. Schlagen sie dies jedoch (wiederholt) aus, so wird auch deren Vernichtung durch den Erzähler gutgeheißen – meist nicht einmal sprachlich sonderlich gut kaschiert. So erinnere ich mich etwa an eine Szene – die Textstelle geht über ein gutes halbes Dutzend Seiten, der Romantitel ist mir allerdings entfallen – in der ein Verbrecher gezielt zu Tode gemartert wird. Zum Zwecke der Bestrafung wird von den "Guten" begonnen, einen Baum zu fällen, in den dabei entstehenden Spalt nach und nach ein großer Keil getrieben. Schließlich wird der gefesselte Missetäter mit dem Unterleib in den Spalt gelegt und der Keil entfernt. Sein Martyrium dauert Tage, die zu Tätern gewordenen "Guten" reiten weg. Ab und an kehren sie zurück, so dass der Erzähler die Gelegenheit erhält zu schildern, was mit dem Bösewicht und dessen Körper geschieht. Keinerlei Empathie, kein Wort des Mitgefühls seitens des Erzählers, was im Übrigen die Bücher Karl Mays - so man mich fragte - zu einem für Kinder ungeeigneten Lesestoff macht. Arno Schmidt charakterisierte dies treffsicher als "Pornografie des Todes"[8].

 

Texte, die Grausamkeiten mehr oder minder unverblümt schildern – ob fiktionalisiert oder durch Abbild der Wirklichkeit – sind ein Teil der Kulturgeschichte. Dieses Faszinosum von Leid und Tod findet heutzutage durch eine allgemeine Verfügbarkeit entsprechenden Materials jedoch eine fast inflationäre Steigerung. Etwas schlichter konstruierte Gemüter geben auch offen zu, dass es für sie dieses Faszinosum des Todes gibt, schließlich gründet ein ganzer Markt darauf. Die "irgendwie linken" Blogger und Medien hingegen sublimieren dieses Phänomen und meinen, sich mit einer vermeintlichen Dokumentationspflicht entschuldigen zu können, um schlussendlich genau das zu tun, was man gemeinhin Medien wie der BILD-Zeitung zu Recht vorwirft. Nur: Eine wirkliche Gegenöffentlichkeit wird nicht dadurch begründet, dass man genau diese sensationsheischenden Methoden des Boulevards kopiert.

 

 


Anmerkungen

[1] Das Zitat von Thomas Hobbes entstammt nicht dem bekannten Werk Leviathan, sondern De cive. (dt.: Über den Bürger) Thomas Hobbes: De Cive. The Latin Version. A Critical Edition by Howard Warrender. Oxford 1983.

[2] Thomas Mann: Der Zauberberg. Frankfurt/Main 1991. S. 984.
[3] Nachtrag: Bei abermaliger Sichtung des Artikels am 29.10. ist der/die Bloggerin "Jacob Jung" offenkundig nach einer Woche und nach tausendfachen Posts in Sozialen Netzwerken zu der Überzeugung gelangt, der blutüberströmte Gaddafi habe seine Werbefunktion erfüllt und hat das Bild unscharf gestaltet.
[4] Vgl.a.: Schleichende Eskalation jenseits der Legalität
[5] Vgl.a.: Mr. President, this War is illegal!
[6] Vgl.a. Thank you Nato?, Absatz: "Unified Protector" und neue Kriegslügen
[7] Arno Schmidt: Sitara oder der Weg dorthin: Eine Studie über Wesen, Werk und Wirkung Karl Mays. Frankfurt/Main 1963.
[8] "Pornographie": sprachliche Neubildung aus den beiden altgriechischen Wörtern πόρνη  (porne; dt. "Hure") und γραφειν (graphein; dt. "schreiben").

 

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Uwe-Jürgen Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur