Home
Zw. Revolte & Krieg
Afghanistan-Krieg
Krieg in Libyen
USA
USA - Wahlen ab 2008
GRÜNE
LINKE
Antikommunismus 2.0
Kapitalismus tötet
Die Friedenspartei
Im Fadenkreuz
Göttinger Parteitag
Hartz IV-Falle
Votum der Basis
Männermachtspiele
Besetzt die Banken!
Der ideale Kandidat
Missbrauchte Rosa
Zum jW-Boykott
Neues vom jW-Boykott
Programm von SYRIZA
kurz LINKS gebloggt
Ältere Texte
Der deutsche 9/11
Brief an Fraktion
ménage à trois
Gysi siegt gegen ZDF
Schmierentheater
Jochimsen ./. Gauck
homo ludens
Reise des Lucas Leon
Politics - misc
Archiv
Archiv - Gentechnik
Über mich
Twitter & Facebook
Kontakt & Impressum

Karl Liebknecht bei einer Rede im Berliner Tiergarten im November 1918


Der deutsche 9/11

Überlegungen zu einem nationalen Gedenktag

UJN 30.09.2011

 

"Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist", so lautete ursprünglich Artikel 146 des Grundgesetzes. Statt einer Vereinigung auf Augenhöhe beschloss am 22. August 1990 die DDR-Volkskammer, zum 3. Oktober dem Geltungsbereich des Grundgesetzes nach Artikel 23 beizutreten und auf eine neue, gemeinsam ausgearbeitete Verfassung, womöglich gar in einer Volksabstimmung beschlossen, zu verzichten. Geschichte ist niemals eindimensional und so gab es auch 1990 alternative Entwicklungspfade, wie sie am sog. Runden Tisch zu einer DDR-Verfassung angedacht oder durch das Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund Deutscher Länder von Bürgerrechtlern wie Wolfgang Ullmann angedeutet wurden. Doch an einer gleichberechtigten Vereinigung zeigten die Westparteien und bald auch ihre DDR-Apologeten kein Interesse. Es wurde auf eine soziale, ökonomische und ökologische Renovierung der miefigen Piefke-BRD verzichtet, faktisch ein Anschluss vollzogen und damit die Selbstaufgabe einer ganzen Nation mitsamt den lebensweltlichen Erfahrungen ihrer Bürger_innen festgeschrieben. Der 3. Oktober ist kein Tag zum Feiern, so wie es in der deutschen Geschichte sowieso kaum Jubeltage gibt, sondern eher Anlässe des Gedenkens und Mahnens. Vielmehr denke ich, dass die kurzen lichten Momente und langen dunklen Kapitel deutscher Geschichte eher durch einen anderen Tag reflektiert werden. Es ist, das wird nur wenige, die nicht geschichtsvergessen sind, verwundern, der 9. November.

 

Am 9. November 1848 wurde der Abgeordnete der Frankfurter Paulskirche Robert Blum (Karl Marx: MEW Bd. 14, S. 112-114), der den bedrängten Revolutionären in Wien eine Grußadresse der Parlamentsminderheit überbringen wollte, standrechtlich erschossen, nachdem er zuvor von einer royalistischen Soldateska unter Bruch seiner parlamentarischen Immunität verhaftet worden war. Diese Hinrichtung wurde zum Fanal für die Gegenrevolution, in deren Folge die Zugeständnisse der Fürsten an die Revolution zurückgenommen wurden. Es folgte abermals eine bleierne Zeit der Restauration.

 

Der 9. November 1918 beendete mit der Ausrufung der deutschen Republik durch Philipp Scheidemann (MSPD) die parlamentarisch verbrämte Monarchie, die während des Krieges zu einer Militärdiktatur geworden war. Gleichzeitig jedoch verkörpert der 9. November 1918 eine zweite Traditionslinie, die Ausdruck in der Proklamation der "freien sozialistischen Republik Deutschland" durch Karl Liebknecht findet. 1848/49 noch im Gefolge der bürgerlichen Revolution und gleichsam als Fußtruppe der Bourgeoisie, hatte sich die Arbeiterklasse zur mächtigsten sozialen und politischen Bewegung im Kaiserreich entwickelt und der revolutionäre Teil, die USPD/Spartakus-Gruppe, sah die Zeit reif, um mit dem bürgerlichen Parlamentarismus insgesamt zu brechen.

 

1923, fünf Jahre später, folgte auf die gescheiterte Revolution, nach den blutigen Massakern bei der Niederschlagung der Räterepublik in Bayern und dem sog. Ruhraufstand ein erneuter Akt der Reaktion: Adolf Hitler versuchte im Bündnis mit einer antisemitischen Militärjunta am 9. November in Bayern die Macht an sich zu reißen. Der Putsch scheiterte und lieferte zugleich mit den sog. Novembergefallenen der NSDAP einen Bezugspunkt für ihre Mythenbildung. Die juristische Aufarbeitung hingegen geriet mit den allzu milden Urteilen gegen die Putschisten zu einer Justizposse und bewies abermals, wie sehr Justiz und Staatsapparat der Weimarer Republik nicht nur auf dem rechten Auge blind waren, sondern sich in einigen Fällen sogar zu Erfüllungsgehilfen von Nazis, Freikorps und anderen reaktionären Gruppen machten.

 

Synagoge Kluckygasse in Wien-Brigittenau um 1900. Das jüdische Gotteshaus wurde am 9. November 1938 zerstört. Quelle: Wikimedia CommonsDer  9. November 1938 symbolisiert mit der organisierten Zerstörung zahlreicher Synagogen in Deutschland den Übergang von der rechtlichen und sozialen Ausgrenzung und Ächtung der deutschen Juden zur direkten Verfolgung und Vernichtung, die in den industrialisierten Massenmord in Auschwitz und Treblinka mündete. Kein anderes Datum als der 9. November 1938 verkörpert ein deutlicheres Stigma in der deutschen Geschichte. Dass bis heute an diesen Tag und die vielen Millionen Toten nicht durch einen offiziellen Gedenktag im Rahmen eines arbeitsfreien Tages erinnert wird, sollte jeden beschämen, der in diesem Land geboren ist, seine Sprache spricht, in seiner Kultur und dieser in einer besonderen Verantwortung verhaftet ist - ganz gleichgültig, wann er geboren ist und ob er die vermeintliche "Gnade der späten Geburt" genießt.

 

Als am 9. November 1989 schließlich die Menschen in der DDR die Mauer erklommen und die Grenzübergänge fluteten, bemächtigten sie sich auch des Staates, wenngleich erst Wochen später der erste Runde Tisch sich zusammenfand. Für einige Monate war ein Fenster in der miefigen kollektiven Biedermeier-Wohnstube geöffnet, das den Menschen Freiheit versprach. Es verschwand mit dem politischen System der DDR aber nicht nur ein autokratisches Regime, sondern auch die Möglichkeit, ein ganzes Land ganz neu zu erfinden. Statt die DDR grundlegend zu renovieren, ohne die Substanz zu beschädigen, drangen alsbald die Ableger der Westparteien auf Totalabriss und Umzug in die BRD.

 

Statt am 3. Oktober alljährlich nationale Jubelfeiern zu veranstalten und die Sicht auf nur ein Ereignis einzuengen, wäre die Politik gut beraten, wenn sie sich auf den 9. November als nationalen Gedenktag verständigte, denn dieses Datum wird den verschiedenen Dimensionen deutscher Geschichte bedeutend gerechter.

 

Share



Uwe-Jürgen Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur