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Glosse -

Grünes Absurdistan 2008

UJN 09.11.2008

 

Was in dem grünen Laden gerade abläuft, ist mal wieder echt der Hammer. Da denken sich die Linken, sie kämen nach dem Abgang des J. Fischer auf eigene Mehrheiten auf dem anstehenden Parteitag in Erfurt. Nur eine ernsthafte Kandidatur gegen den Realo-Kandidaten Cem Özdemir für den Parteivorsitz, das haben sie natürlich wieder nicht hingekriegt. Alle sind verzagt, keiner wird antreten. Anfang der 90er, als Fischermens Friends den Durchmarsch veranstalteten und Grüns zur catch-all-party[1], zur "Allerwelts- und zur Jedermanns-Partei" machten, hätte man eigentlich austreten müssen. Ich bekenne: Ich habe damals gegen die Vereinigung mit BÜNDNIS 90 in der Urabstimmung gestimmt und das nicht ohne Grund. Gut, wir waren mal wieder in der Minderheit. Dann kam da eine zweite Richtung dazu, die westdeutschen Armanis. Beide Masseneintritte Anfang der 90er ergaben insgesamt so einen richtigen Schub Richtung Nachhaltigkeit. So ein verlogenes grünes Unwort. Zu der Zeit wurde ich auch politisch sozusagen privatisiert und wurde vom Generalisten zum Fachidioten der Gentechnik-Kritik, immerhin in allen Anwendungsfeldern, das ist auch schon mal ’was wert. Das Interesse am Grundsätzlichen habe ich trotzdem nie ganz verloren. So habe ich mich in den letzten Wochen so richtig intensiv beschäftigt mit dieser mistigen amerikanischen Politologie. Irgendwie lustig, aber eigentlich traurig, wenn man mal überlegt, was der Welt erspart geblieben wäre, wenn Ralf Nader (US-Grüne) sich nicht so wichtig genommen und in Florida 2000 nicht Al Gore die Stimmen weggenommen hätte.
 
Zurück zum grünen Laden: Die  Jungs und Mädels aus Ba.-Wü. etwa kriegen auch nie den Mund auf, wenn die Landtagsfraktion alle vier Wochen beschließt, dass sie schwarz-grün geil findet und dergestalt ein Schaulaufen veranstaltet. Säße ich heute noch in meinem alten Kreisverband Freudenstadt und wäre ich 16, was ich zum Glück nicht mehr bin, dann würde mich das, was die grünen Großkopferten gerade wegen des Parteivorsitzes und Hamburg veranstalten so was von entmutigen, dass ich noch nicht einmal mehr Lust hätte, auf eine KMV (Kreismitgliederversammlung) zu gehen. Da geht ganz offenkundig sowieso keiner mehr hin. Wenn etwas ständig wiederholt wird und keiner mehr Widerspruch erhebt, wird schwarz-grün selbstverständlich zur self-fulfilling prophecy, in Hamburg wie in Ba.-Wü.. Die Machtgeilheit von Grüns ist einfach nicht zu überbieten. Was muss eigentlich alles noch passieren, damit die Grüns in Hamburg an der Elbe zur Besinnung kommen und die Koalition mit Beust verlassen? Es gab doch schon zwei Öko-Knackpunkte, nämlich das Kohlekraftwerk Moorburg und die Elbvertiefung. Und doch haben Grüns beide Projekte abgenickt, obschon sie zuvor genau mit der Ablehnung in beiden Fällen ihren Wahlkampf gemacht haben. Ich kann mich nur noch wundern. Falsch, wundert tut mich allmählich nach 19 Jahren bei denen eigentlich gar nichts mehr. Seit dem Bielefelder Parteitag 1999 und dem Verrat an den pazifistischen Grundsätzen kann man aus dem grünen Laden eigentlich bloß noch austreten. Wer danach eintritt, ist per se verdächtig, dass es ihm bloß um ein fettes Mandat geht.
 
 

Wenn der Fisch am Körper fault, dann stinkt auch der Kopf

 
Die Bundeslinken haben auf dem Erfurter Parteitag 2003 zur letzten Listenaufstellung zum Europäischen Parlament allen Ernstes die ersten beiden Kandidaten der Armani-Fraktion durchgewunken. Ohne Wenn und Aber. Die Armanis hätten auch einen grünen Kaktus aufstellen können, der wär' auch durchgekommen. Naja, der hätte - auf dem richtigen Sessel platziert - mehr bewirkt als mancher MdEP. Einer davon, FriWi zu Baringdorf, hat es nämlich in einem Vierteljahrhundert mit dem Ticket Europäisches Parlament noch nicht einmal geschafft, die Lebendschlachttiertransporte abzuschaffen. Wozu hat der eigentlich sein Mandat? Manchem ist bloß anzuraten, mal wieder einen Ableger einer Pflanze großziehen, sich zu kümmern, sich zurückzuerinnern, was Natur für ihn wirklich bedeutet. Ehrliches Grundgefühl, genau daran ermangelt es in dieser Technokraten-Partei. Glaubt noch irgendjemand bei Grüns, die Armanis hätten jemals ihren Müll getrennt? Ehrlichkeit, die Umsetzung im wirklichen Leben? Wenn nicht mehr kongruiert der Anspruch mit der Wirklichkeit, dann wird es echt schwierig. Dass das noch nicht bis zum Wähler durchgedrungen ist, wundert mich wiederholt und angelegentlich. Das nächste Mal werden die grünen Bundeslinken auf dem Parteitag zur Europawahl es wieder tun. Keiner wird das Maul aufkriegen gegen die Armanis. Dann kriegen die Linken wieder ihr vermeintlich linkes Programm, dessen Entwurf sich wie eine Proseminararbeit liest, aber die Armanis heimsen die Mandate ein, wie gehabt. Die Linken bekommen dann zusätzlich ein paar pseudo-linke Feigenblätter, wie etwa den Typen von attac, Sven Giegold mit Namen, so glaube ich zumindest. Seit die richtigen Linken um Ebermann, Krieger und Ditfurth ihren Abgang hatten, sind da fast nur noch Zauderer, Zögerer, Zerlaberer, kurzum taz-Leser, am Start. Viele graue Menschen, die ihre eigene Borniertheit und Mutlosigkeit gerne in andere hinein schwätzen. Und vor allem solche, welche nur noch ihr Mandat und ihr eigenes Versorgtsein im Visier haben.
 
Ich fand das schon immer Scheiße, wenn insbesondere Frauen sich ein Herz gefasst hatten, dann kamen schon immer diese Armanis und grauen Linken. Gerne haben die immer alles zerredet und tot gelabert. Das passierte mir meinem ersten Kreisverband schon ganz früh. Der erste Armani, mit dem ich Stress hatte, dieser Typ, der schenkte mir zum Abschied nach vier Jahren im Ehrenamt und viel Arbeit das im Auftrag geschriebene Buch seines heiligen Jesus Fischer. Vorbilder habe ich keine. Doch, doch, doch: Fragte man mich, wen ich aus dem letzten Jahrhundert toll fände, dann sagte ich Martin Luther King, Mahatma Gandhi und natürlich Rosa Luxemburg. Allein wie Grüns die Sonnenblume, das Symbol meiner ehemaligen Partei, mutieren ließen: Von der wirklichen, gegenständlichen, weil vorhandenen Sonnenblume aus den 80er Jahren mutierte sie zu einem computergenerierten Logo. Es passt auch, dass die Sonnenblume im Logo mutiert ist zu einer Technokraten-Partei, welche nur noch technischen Umweltschutz betreibt und Grenzwerte für gentechnisch verunreinigtes Saatgut diskutiert statt Verbote fordert.
 
 
Die letzte Schlacht ist noch nicht geschlagen. Bloß, wann findet die eigentlich statt?
 
Das ist mir eigentlich auch viel zu belastet so als Bild … Wobei in Bielefeld, dem Kosovo-Parteitag, hätten die sich eh ja fast alle geprügelt. Eine Frage bleibt für mich: Wer hat ihn, den Farbbeutel, eigentlich auf den grünen Führerbunker in Bielefeld geschmissen? Was allein die Sicherheitsfirma gekostet hat und trotzdem hat ihn jemand schmeißen können. Ich hätte als Bundesschatzmeister die Rechnung nicht bezahlt, aber ich hätte als Vorsitzender auch nicht so 'ne Firma beauftragt. Das bleibt bis heute peinlich, wie der BuVo den Kosovo-Parteitag abgehalten hat. Für die Sicherheit von Außenministern ist das BKA zuständig und nicht die Parteikasse. Dass meine Mitgliedsbeiträge für so einen Scheiß verwandt wurden, ärgert mich bis heute. Der grüne Heiland hat versagt und nur verbrannte, ehemals grüne Erde hinterlassen. Er hat sich nach Amerika abgesetzt, um Außenminister unter Obama zu werden. Vermutlich hat ihn Arni aus California auf die Idee gebracht. Hätte ja vor 20 Jahren auch keiner gedacht, dass jemand wie er, der solche Filme dreht, mal Governor von Kalifornien wird. Gut, Menschen ändern sich offenkundig und so wird Arni gar zum Hoffnungsträger der Umweltpolitik in Amerika - so mal relativ in Bezug auf die restliche US-Politik gesehen. Wie absurd die Welt manchmal sein kann. Es bleibt den Grüns an dieser Stelle nur noch anzuraten, im Rahmen einer Kommission, erstens, sich mit den fiesen Methoden der Armanis auseinander zusetzen, mit denen sie den linken Bundesvorstand 1988 in Karlsruhe zu Fall brachten und, zweitens, sich zu fragen, wie dieselben Leute 1999 in Bielefeld die Kosovo-Lügen organisiert haben. Es gibt schon viele Gründe, den grünen Laden zu verlassen und den Fuß auf die Strasse zu setzen, um in der wirklichen Welt anzukommen. Eigentlich kann man aus dem grünen Laden bloß austreten, es sei denn, man braucht dringend ein Mandat. Genau darum geht es den meisten. Dumm bloß, dass sich erst unlängst eine ganze Reihe von grünen Kindern aus Bullerbü zu Ba.-Wü. verabredet haben und das Armani-Personalangebot ausgepfiffen haben bei der Listenaufstellung zur Bundestagswahl.
 
Alle Politiker sollten sich einfach mal besinnen und angelegentlich bei Google Earth erden, genauso wie ich mir wünschte, George Babbelyou – "babbeln" heißt im Schwäbischen unsinniges Zeug reden - scrollte mal von seinem mickrigen White House über das Capitol und dann in das Weltall hinaus. Wäre ich Gesetzgeber, ich verordnete sofort, dass jeder MdLMdBMdEP or whatever dies täte. Den meisten geht es nicht darum, reale, weil die Wirklichkeit verbessernde Politik zu machen, sondern in der Regel geht es um ihre eigene Macht und den Erhalt derselben. Ich wünschte mir, Rosa Luxemburg wäre im Jahre 1960 geboren und sagte denen da mal so richtig Bescheid...
 
Okay, der Anlass war banal, es ging ja bloß um das grüne Imperium und den aktuellen Zaunkönig dort, ich schweifte ab, verzeih’ mir lieber Leser, dass ich Deine Zeit bis an diese Stelle raubte. Auch ist es ganz egal, was die grünen Kinder aus Bullerbü machen, denn ich bin ja weg und so froh, dass ich politisch endlich angekommen bin bei mir selbst. Ganz konkret: Jeder Gang in das Karl-Liebknecht-Haus ist wie ein Ankommen bei mir selbst. Ich fühle mich in der ganzen Welt zu Hause, wo es Wolken, Vögel und Menschentränen gibt, dieses Zitat von Rosa steht über meinen privaten Briefen seit 15 Jahren. Ich war nur 18 lange Jahre falsch geparkt. Gut, es kam, wie es kam, die Kinder aus Bullerbü müssen es selbst richten. Oder auch nicht. Genau die Methoden anzuwenden, welche ich immer kritisiert habe, sind meine nicht und werden es auch nie werden. Auch wenn mein grünes Herz blutet, so blutet es doch rot und dort schlägt es auch, das Herz, LINKS.
 
 
[1] Begriff nach Kirchheimer, Otto [1965]: Der Wandel des westeuropäischen Parteiensystems. In: Politische Vierteljahresschrift (PVS). 1965. S. 20 - 41.
 

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Uwe-Jürgen Ness | Texte zu Politik, Geschichte & Literatur